INHALT:

Reisebericht von Anita und Christoph

"Das wahre Gesicht Indiens" (von Familie Winter)

Kleiner Reisebericht (von Anita Nieth)

"Incredible India" (von Laura Winter)


Reisebericht unseres Vorstandsmitglieds Anita Maurer (geb. Nieth) und ihrem Mann Christoph vom Juni/Juli 2007

Fröhlicher Kinderlärm tönt um uns herum. Mädchen und Jungen spielen mit Bällen, springen Seil, die älteren spielen Volleyball. Als wir uns unter sie mischen, gibt es kein Halten mehr: Wir sollen am besten überall zugleich sein und jedem den Ball zuwerfen...

Anita Bild25Es ist kaum zu glauben, dass diese wilde, fröhliche Kinderschar eines teilt, nämlich dass sie alle in ihren zehn-, zwölf- oder auch sechzehnjährigen Leben weit mehr Schlimmes erlebt haben als wir in unseren 25 Lebensjahren. Manche sind Waisen, andere Halbwaisen und wieder andere haben Eltern, die z.B. wegen Alkoholabhängigkeit nicht in der Lage sind, für ihre Kinder zu sorgen. Die meisten von ihnen haben in den Seidenfabriken von Arni gearbeitet, bevor sie in das neu gebaute Heim „Vasantham“ in Arni einziehen konnten. (siehe: >Projekte >Kinderarbeit) Und genau hier sind auch wir drei Wochen nach unserer Ankunft in Mumbai (früher Bombay) angekommen.

 

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Anita und Christoph werden von Frau Sathiaseelan herzlich begrüßt

 

 

 

 

 

Unser Weg hat uns von Mumbai über Goa und ein Naturreservat in den Western Ghats nach Tamil Nadu geführt, wo wir die Tempelstadt Madurai besucht haben. Nach einem Abstecher nach Rameshwaram mit der Inselreihe „Adams Bridge“, die nach Sri Lanka führt sind wir nach Tiruvannamalai gelangt.

Von hier ist es nicht weit nach Pavitram,wo die beiden Partnerschulen der MLS Rimbach liegen. Natürlich wollte ich „meine“ Schulen besuchen und sehen, was sich seit 2002/2003 geändert hat: Nicht viel, und doch ist in diesen viereinhalb Jahren alles ein kleines bisschen moderner geworden – ein gutes Zeichen für die fortschreitende Entwicklung Indiens.

Doch zurück nach Arni. Am ersten Abend nach unserer Ankunft im neuen Heim, als alle Kinder von ihren Schulen, die teilweise recht weit entfernt liegen, zurückgekehrt sind, werden wir offiziell empfangen.

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Geschenke werden ausgetauscht

 

 

 

 

 

Der Projektleiter Sathiaseelan erklärt den Kindern wer wir sind und warum wir hier sind. Obwohl wir von der Ansprache auf Tamil nicht viel verstehen, ist doch deutlich zu spüren, wie freundlich er mit den Kindern spricht und wie sehr ihm ihr Wohl am Herzen liegt.

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Die Kinder führen einige Tänze auf und eine Gruppe von Jungen spielt ein kleines Theaterstück vor – eine Dorfszene auf Tamil mit, dem Gelächter nach zu urteilen, recht lustigen Dialogen.

 

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Nach dem offiziellen Empfang essen wir alle zusammen zu Abend, und da die Kinder wie die meisten Inder früh schlafen gehen, ziehen auch wir uns bald in das sehr empfehlenswerte :-) knallgrün gestrichene Gästezimmer zurück.

 

 

Anita Bild28Am folgenden Tag besuchen wir das ORD (Organisation for Rural Development) -Zentrum in der Stadt. Dort haben sich einige Frauen – Selbsthilfegruppen versammelt und stellen uns ihre Arbeit vor. Mit Hilfe von Kleinkrediten produzieren sie z.B. Saris oder Geschenkartikel und erwirtschaften so ein kleines Nebeneinkommen für ihre Familien.
Am Abend verbringen wir wieder viel Zeit mit den Kindern, wir spielen und singen uns gegenseitig Lieder vor. Am nächsten Tag müssen wir uns leider schon wieder von Vasantham verabschieden. Wir haben in diesen zwei Tagen einen guten Einblick in die großartige Arbeit von Projektleiter Sathiaseelan und seinen Mitarbeitern bekommen und konnten uns davon überzeugen, wie gut das Heim Vasantham geführt wird.

 

Wir besuchen noch Father Roy in seiner Pfarrei Veppoor. Auch hier werden wir wieder sehr herzlich empfangen und als frisch verheiratetes Paar gefeiert. Wie bisher fast überall wirft man uns auch hier viel sagende Blicke zu und fragt mit einem Grinsen, wie denn das Eheleben so sei... In Indien, wo selbst auf gemischten Schulen Jungen und Mädchen nicht miteinander sprechen sollen, hat die Eheschließung noch einen ganz anderen Stellenwert als bei uns und durchaus auch einen sexuellen Beiklang...

Damit indische Mädchen mit armem Familienhintergrund in Zukunft nicht nur die Ehe und ein Leben am heimischen Herd erwartet sondern sie eine gute Schulbildung bekommen, mit der Chance auf einen Studienplatz mit Stipendium, baut Father Roy in Veppoor das Hildegardheim. Es soll ein Internat für begabte Mädchen aus armen und benachteiligten Familien werden, in dem sie wohnen können und zusätzlich zur Schule gefördert werden.

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Wir besichtigen den Rohbau für das Internat, dessen Fertigstellung momentan leider nicht gesichert ist (siehe auch > Spenden für das Hildegard-Kinderheim).

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Außerdem können wir den großen neuen Brunnen bewundern, der 2006 mit Hilfe von Spendengeldern des FEW gebaut wurde.

 

 

 

 

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Zusammen mit Father Roy fahren wir am Ende unserer Reise nach Chennai (früher Madras), von wo aus wir zurück nach Frankfurt fliegen werden. Bevor wir Indien nach (leider nur) dreieinhalb Wochen verlassen, gönnen wir uns aber noch ein bisschen Vergnügen und sehen uns den Kinofilm „Shivaji – The Boss“ mit „Superstar“ Rajinikanth an. Der Film läuft seit vier Wochen in allen Kinos Tamil Nadus, in allen Vorführsälen, dreimal pro Tag und immer noch ist jede Vorstellung ausverkauft. Nur mit Hilfe von Father Roys vielfältigen Kontakten war es möglich, Karten zu bekommen und es ist ein einmaliges Erlebnis.

 

Schon als im Vorspann der Name des Hauptdarstellers Rajinikanth erscheint, tobt der ganze Saal... Der Film ist dreieinhalb Stunden lang aber obwohl wir wenig von den Dialogen auf Tamil verstehen, erschließt sich uns die Handlung und die ist gar nicht schlecht – es geht um Korruption auf höchster Ebene und einen tollen Kerl, natürlich dargestellt vom „Superstar“, der sich erfolgreich dagegen stellt und natürlich fehlt auch die obligatorische Liebesgeschichte nicht.

Wir nehmen sehr viele unterschiedliche Eindrücke von Indien mit nach Hause - wir konnten die Arbeit unserer Projektpartner aus nächster Nähe erleben und uns davon überzeugen, dass noch viel getan werden muss, aber auch dass unsere Projektarbeit in fähigen und verantwortungs- vollen Händen liegt und wir auf einem guten Weg sind.

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Das "wahre Gesicht Indiens" aus nächster Nähe gesehen

Erlebnisbericht von Iris Dörsam-Winter und Herwig Winter beim Freundeskreis "Eine Welt" in Mörlenbach „Dieses Land hat eine sehr große Spanne in seinem Sozialgefüge. Da gibt es beispielsweise Bangalore und, nur 20 Kilometer entfernt, kleine Dörfer, in denen größte Armut herrscht", hieß es. „Willst du das wahre Gesicht Indiens kennen lernen, gehe in die Dörfer! " Diese Aufforderung Gandhis beherzigten Iris und Herwig Winter, beide Gründungsmitglieder des Mörlenbacher Freundeskreises „Eine Welt". Sie hatten in den Weihnachtsferien mit ihrer Familie den südindischen Bundesstaat Tamil Nadu bereist, um die Projekte, die der Freundeskreis unterstützt, zu besichtigen.

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Dabei wurden sie von Pfarrer Dr. Roy Lazar Antonisamy und Pfarrer Dr. Arumai Samy, die beide von Urlaubsvertretungen in Mörlenbach bestens bekannt sind, begleitet. Von ihren vielfältigen Eindrücken dieses riesigen Landes, das sich in nord-südlicher und in ost-westlicher Richtung über je 3000 Kilometer erstreckt, berichteten Iris Dörsam-Winter vom Vorstand des Freundeskreises „Eine Welt" und ihr Mann Herwig Winter mittels eines Dia-Vortrages im Pfarr- und Jugendheim zahlreichen Besuchern

 

 

„Wir sind herzlich empfangen worden und haben großzügige Gastfreundschaft genossen, haben aber auch viel Armut gesehen", erzählten die beiden. „Trotz ihrer Armut aber sind die Menschen in Indien motiviert, sie haben Energie, Engagement und Visionen, leider aber fehlt manchmal einfach das Geld, um ihre Pläne verwirklichen zu können", berichtete Iris Dörsam-Winter. „Für mich persönlich war diese Erfahrung Anreiz, mit meiner bisherigen Arbeit für die Projekte in Indien fortzufahren. "

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Eine völlig ungewohnte Erfahrung sei der Straßenverkehr in Indien gewesen. Auf teilweise unbefestigten Straßen sei alles unterwegs, was Räder habe, aber auch Tiere und Fußgänger. Da die Straßen unbeleuchtet seien, sollten Europäer sich besser nicht nachts dem Straßenverkehr aussetzen. Die Straße werde als „Marktplatz" benutzt, den Abfall des Marktes, aber auch Zeitungspapier fressen Ziegen und Kühe. Auch die Landwirtschaft nutzt die Straße, das Getreide werde auf die Fahrbahn geschüttet und darüber fahrende Autos erledigten die Drescharbeit.

Auch touristische Ziele, beispielsweise kunstvolle Tempel, gebe es in Südindien, leider treffe man hier auch auf die unvermeidlichen Verkaufsstände, die Schauschlangenbeschwörer und auf bettelnde Arme, die sprichwörtlich im Müll hausen. Die Mörlenbacher Familie konnte die Zentren der Seidenindustrie besuchen und auch das Haus „Vasantham" für arbeitende Kinder besichtigen.

 

Hier erhalten Kinder, die wegen der Armut der Familie arbeiten müssen, nach ihrer Arbeit Schulausbildung. Der Leiter des Hauses konnte erreichen, dass die Kinder nun wenigstens wöchentlich einen freien Tag haben.

Sie lernten Schwester Rani persönlich kennen, die in den Tagen um Weihnachten ihr 25-jähriges Ordensjubiläum feiern durfte und die Mörlenbacher dazu eingeladen hatte. Auch die Dörfer der Kuhprojekte wurden besucht, in einem hatten die Bewohner alle „gespendeten" Kühe und ihre Kälber auf eine Wiese getrieben und die Mörlenbacher dort begrüßt und sich für ihre große Unterstützung bedankt.

Das Altenheim, das Polio-Kinderheim und das Blindenheim standen auf dem Programm, ebenso zwei Schulen: Die Partnerschule der Rimbacher MLS, in der Herwig Winter lehrt und aus der gerade zwei Rimbacher zurückgekommen waren, die dort als „Assistant teacher" gewirkt hatten, und eine Schule, mit der sich eine Partnerschaft zur Mörlenbacher Schlosshofschule anbahnen könnte, wurden besucht.

Das indische Schulsystem allerdings sei völlig unterschiedlich zum europäischen und geprägt von Drill und Auswendiglernen. Nur manche Schüler, so hieß es, seien nach dem Schulbesuch in der Lage, selbständig zu denken. Die begehrten Studienplätze seien für Christen und Angehörige der unteren Kasten kaum zu bekommen, vielerorts müssten sie auch „erkauft" werden.

„Leider herrschen in Indien immer noch blinde Autoritätshörigkeit und Korruption und ohne ausländische Hilfe haben viele Menschen, vor allem in den Dörfern, keine Chance, ihre Lebensumstände zu verbessern", schlossen Iris und Herwig Winter ihren sehr interessanten Reisebericht.

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Kleiner Reisebericht

von unserem Vorstandsmitglied Anita Nieth

Als Abiturientin 2002 an der MLS in Rimbach bekamen meine Jahrgangskollegin Anne Breubeck und ich von unserer Schule die einmalige Chance, als erste Gastlehrerinnen für Spoken English für 6 Monate an die beiden Partnerschulen der MLS in dem kleinen Dorf Pavitram in Tamil Nadu, Südindien zu gehen.

Ein Schultag in Pavitram:

Der Tag beginnt um halb sechs Uhr morgens, wenn laute, schrille Musik aus den Lautsprechern des Tempels und der Kirche über das Dorf schallt. Sie ruft die Menschen zur „Pooja" der Hindus und zur Messe der Christen.

Reisebericht Anita1Um neun Uhr, wenn die Schule mit einer Morgenversammlung anfängt, haben die meisten Schüler schon zu Hause im Haushalt gearbeitet, vielleicht Wäsche gewaschen oder die Kuh der Familie aufs Feld geführt. Nicht alle haben ein Frühstück bekommen.

Nach der Nationalhymne beginnt der Unterricht: Acht Stunden lang werden sie mit Unterrichtsstoff gefüttert, den sie möglichst schnell möglichst vollständig auswendig können sollen, denn es gibt viele Tests, die man nur gut bestehen kann, wenn man als Antworten die Sätze aus dem Schulbuch wortwörtlich wiedergeben kann.

 

Und gute Ergebnisse sind wichtig wenn man arm ist, denn nur so erhält man ein Stipendium und kann an der Universität studieren.

Wir haben den Eindruck, dass unsere Stunden in Spoken English, die wir in den 6. und 7. Klassen der beiden Schulen (getrennte Jungen- und Mädchenschule) halten eine große Attraktion für die Schüler sind. Wir sind kaum zur Tür hereingekommen, schon schallt uns ein lautes „Good Morning Miss" entgegen und Unruhe macht sich breit.

Was gibt es wohl heute? Lernen wir wieder, wie man sich gegenseitig vorstellt und erzählt, wie alt man ist und woher man kommt? Oder haben sie wieder verschiedene Gemüsesorten mitgebracht, deren Namen wir lernen und die wir uns mit einem englischen Dialog gegenseitig „auf dem Markt" verkaufen?

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Der lockere Unterricht bei uns, der seinen Schwerpunkt auf Kommunikation und das Sprechen der englische Sprache legt, steht im krassen Gegensatz zum normalen Englischunterricht an den Schulen in Pavitram und vielen anderen indischen Dörfern.

 

Dort spricht fast nur der Lehrer. Er liest einen Text vor, den die Schüler nicht verstehen können, weil er viel zu schwierig ist, er liest Fragen zum Text vor und er liest Antworten auf die Fragen vor. Die Schüler sagen alles dreimal nach und müssen es anschließend auswendig lernen.

 

So ist es kein Wunder, dass nur die Englisch können, die es in ihrem Elternhaus lernen, was in der Stadt normal, auf dem Dorf aber höchstens in ein oder zwei Haushalten der Fall ist.

 

12.30: Mittagspause. Die Schüler sitzen auf dem Schulhof im Schatten der großen Tamarindenbäume und essen den Reis mit Sambar, der üblichen Gewürzsoße, den sie in Henkelmännern von zu Hause mitgebracht haben.

Die Ärmsten erhalten eine Schulspeisung, die von der Regierung gestellt wird.

Nach noch einmal vier Stunden Unterricht ist die Schule aus und alles strömt auf die Fahrräder am großen Schultor zu. Viele Schüler kommen mit dem Fahrrad aus den umliegenden Dörfern zur Schule gefahren. Oft fahren drei Geschwister auf einem Fahrrad, eines auf dem Sattel, eines auf dem Gepäckträger und eines auf der Stange...

Sind wir um die Zeit des Schulschlusses auf den Straßen von Pavitram unterwegs, können wir im Strom der Schüler mitschwimmen, der zeigt, wie kinderreich Indien ist. Jede der beiden Schulen hat über tausend Schüler, die aus Pavitram und den umliegenden Dörfern kommen, und dies sind nur die Kinder, deren Eltern erkannt haben, wie wichtig eine Schulbildung ist, und die nicht schon mit zehn Jahren arbeiten gehen müssen.

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Am Abend kommen noch ein paar Mädchen aus unseren Klassen zu uns, mit denen wir eine kleine Chorstunde abhalten. Wir wollen Lieder für das nächste Schulfest einstudieren.

 

In Indien wird viel und gerne gesungen und ein deutsches Lied wird ein besonders spannender Programmpunkt sein, genauso wie das tamilische Lied, das ich zum Besten geben werde.

 

Während des halben Jahres, das ich in Südindien verbracht habe, habe ich viel von der großen Armut der indischen Landbevölkerung gesehen, die von der aufstrebenden Wirtschaft in Metropolen wie Bangalore oder Bombay nichts zu spüren bekommt, aber auch die große Gastfreundschaft selbst der ärmsten Leute erlebt.

Dies hat mir gezeigt, wie wichtig es ist, dass es solche Projekte wie die des Freundeskreises Eine Welt gibt, die darauf ausgerichtet sind, Menschen eine Existenzgrundlage wie zum Beispiel eine Kuh zu geben, die sie unabhängig macht von „barmherzigen Gaben", die immer nur momentan, aber nicht langfristig helfen können.

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Incredible India

von Laura Winter (Oktober 2005)

Incredible India , so stand es auf meinem Einreiseformular, das ich im Flugzeug von einer Stewardess in die Hand gedrückt bekommen habe.

Als ich das Flugzeug verlasse, spüre ich gleich, dass ich in Indien bin, es ist der Geruch, nein, kein Gestank...

Ich kämpfe mich durch die ewig lange Warteschlange am Immigrationsschalter und glücklicherweise habe ich mein Einreiseformular richtig ausgefüllt.

Nach Ewigkeiten, so scheint es mir, habe ich auch endlich mein Gepäck zwischen all den zugeklebten Kartons und schon etwas mitgenommenen Koffern gefunden. Schwüle Luft schlägt mir entgegen, drückend, dieser Smog, der über der Stadt liegt.

Mein Empfangskomitee entdeckt mich, ein indischer Freund meiner Familie mit seiner Nichte, bei ihrer Familie werde ich 3 ½ Monate leben. Wie lange sie wohl schon auf mich gewartet haben? 4 Stunden, wie ich später erfahre...

Mein Gepäck wird verladen und ab geht es durch die verkehrsverstopften Straßen von Chennai, oder wie die meisten Westler sagen: Madras.

Es ist gegen 3 Uhr nachts, als ich in der New Street im Stadtteil Mylapore ankomme, ein Bramahnenviertel, hier gehört man schon zur besseren Gesellschaftsschicht.

Mit Blumengirlande werde ich begrüßt, vom Rest bekomme ich eigentlich nur noch wenig mit, ich bin zu müde und meine Gastfamilie, glaube ich, auch.

Man zeigt mir mein Zimmer, für indische Verhältnisse recht groß. Eigentlich war es das Zimmer der beiden Töchter meiner Gasteltern. Nun schlafen sie alle zu viert in einem Zimmer.

Reisebericht Laura1An meinem ersten Schultag muss ich mich bestimmt dreimal vorstellen, alles ist ein wenig befremdlich...Uniformen; Morgenappell; nur reden, wenn man gefragt wird und natürlich aufstehen, wenn ein Lehrer, oder eher eine Lehrerin den Raum betritt oder verlässt.

Rosary Matriculation Higher Secondary School, das ist der Name der christlichen Mädchenprivatschule, in der ich die nächsten Monate das indische Schulsystem kennen lernen und neue Freundschaften knüpfen werde.

 

Aber es ist wohl nicht nur für mich ein seltsames Erlebnis. Viele kleine und große Augen mustern mich, die folgenden Tage und Wochen, eigentlich bis zum Ende meines Schulaufenthaltes hier, werde ich immer wieder nach meinem Namen und meiner Herkunft gefragt.

Ich gewöhne mich schnell ein, auch in der Schule verstehe ich, trotz anfänglicher Schwierigkeiten, mehr und mehr.

Das vermeintliche british - oder eher indisch- English wird im Französischunterricht noch getoppt. Dreimal muss ich nachfragen, bis ich endlich verstehe, dass die Lehrerin mich gerade auf Französisch gefragt hat, was meine Eltern beruflich machen.

Der Alltag pendelt sich ein, morgens mit dem Fahrrad zur Schule, nachmittags immer zur gleichen Zeit zurück. Selbst an Wochenenden scheint hier immer der selbe Trott zu sein, Sonntags geht es in die Kirche, morgens um 6 Uhr. Die Messe wird in Tamil, der hiesigen Landessprache und eine der ältesten Sprachen der Welt gehalten, die sich aber teilweise schon mit Englisch gemischt hat und dadurch eine Art Slang entstanden ist.

Und doch, trotz diesem Alltag ist es alles andere als eintönig. Es gibt hier so viel zu sehen, zu erleben. Obgleich ich jeden Morgen die gleiche Straße entlang fahre, entdecke ich jeden Tag etwas neues.

Indien ist so bunt, allein schon beim Verkehr fragt man sich jedes Mal aufs Neue, wie es ohne Staus und großartige Unfälle von statten geht.

Aber Indien hat zwei Seiten, die schöne, mit den bunten Händlerstraßen, den farbenfrohen Saris und dann ist da noch die andere Seite, versteckt und doch unübersehbar: das Elend, man trifft es an jeder Straßenecke, sei es nun in Form von zerlumpten Bettlern, Krüppeln oder Straßenkindern, die heruntergekommenen Slums oder die ganzen Tiere in erbärmlichstem Zustand.

Niemand beklagt sich, es wird hingenommen, wie es ist. Die Bettler und Straßenkinder gehören eben dazu und sie selbst haben sich auch mit ihrem Dasein abgefunden.

Gesicht wahren, heißt es, sich nichts anmerken lassen, denn das zeigt Verletzbarkeit. Es ist erstaunlich, wie lebensfroh die Menschen hier sind, egal wie sehr das Schicksal sie gebeutelt hat.

Ein Land voller Gegensätze, Stadt und Land scheinen Jahrzehnte zu trennen, große Luxusvillen neben Lehmhütten der Slums, Reichtum und Armut kollidieren hier aufeinander.

Es gibt vieles, was mir aufstößt, aber auch vieles, was einfach nur fasziniert.

Nicht nur in der Schule erfahre ich eine Sonderbehandlung, an den Wochenenden besuche ich des Öfteren Dörfer. Roy, indischer Pfarrer und Freund meiner Familie nimmt mich mit in seine Pfarrei. Die Straße gleicht eher einem von Kratern, die man bei uns noch nicht einmal mehr als Schlaglöcher bezeichnen würde, durchzogenen Feldweg, der nur teilweise geteert ist. Ein Colaplakat in einem abgelegenen Dorf auch hier hat die Globalisierung nicht Halt gemacht.

Die Ehrfurcht, mit der man vor allem in den Dörfern behandelt wird, die aufopfernde Gastfreundschaft ist beschämend, das alles, weil man weiß ist, einer besseren Gesellschaftsschicht angehört.

Je heller desto toller, könnte man denken, selbst in Zeitungsannoncen liest man immer wieder: Suche möglichst hellhäutigen Partner .

Ich habe angefangen Tagebuch zu schreiben, es sind einfach zu viele Gedanken, zu viele Erlebnisse, die ich verarbeiten muss und über die ich mit niemandem hier reden kann.

Was ich als einziges wirklich vermisse, ist ein wenig Privatsphäre, etwas, was es hier in Indien nicht gibt.

An die Ameisen, deren Straße durch mein Zimmer verläuft, habe ich mich gewöhnt, die Kakerlaken und anderes Ungeziefer, was mir immer wieder im Bad begegnet, beachte ich kaum mehr.

Die Zeit hier vergeht so schnell, wo sie doch anfangs zu schleichen schien. Der Tag meiner Abreise kommt immer näher.

Immer wieder werde ich von Leuten gefragt, warum ich denn gerade nach Indien bin...ja...wieso eigentlich. Ich glaube das weiß ich selbst nicht genau, anfangs war es, weil meine Familie dorthin ja schon Kontakte hatte, aber dieser Grund stellte sich immer mehr in den Hintergrund. Es war Herausforderung, Abenteuer, der Wunsch etwas neues zu entdecken, die Faszination an einem so vielfältigen Land, wie Indien. Noch einmal bekomme ich meine indische Schulklasse intensiv mit, wir gehen auf Klassenfahrt nach Bangalore, 8 Stunden mit dem Nachtzug, bei einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 40km/h, gefährlichen Ventilatoren und einem keinesfalls ungezieferfreien Schlafabteil...das Rattern und Schaukeln des Zuges rüttelt einen unangenehm in den Schlaf.

Wieder einmal besichtige ich einen der very famous temples und komme mir bei den ganzen gläubigen Hindus irgendwie fehl am Platze vor.

Ein Park wird besichtigt, ganz am Rand: Zelte, Wohnungen der Dalits, Kastenlosen, Abschaum der Gesellschaft; in Städten mittlerweile respektiert in den Dörfern immer noch gemieden. Früher musste ein Bramahne, ein Hindupriester, sich aufwändigen Reinigungsritualen unterziehen, wenn auch nur der Schatten eines Dalits auf ihn gefallen war.

Das sind Dinge, die man in unseren Teilen der westlichen Welt nicht verstehen kann, nicht verstehen will.

Die Klassenfahrt ist, wie mein gesamter Indienaufenthalt, zu schnell vorbei, morgen geht es zurück nach Deutschland.

Reisebericht Laura2

Meine Eltern sind vor zwei Wochen gekommen um einige Projekte zu besichtigen und mich zu besuchen, wir werden zusammen heim fliegen.

Der Abschied fällt nicht nur mir sehr schwer, viele meiner Klassenkameraden sind mir in diesem Vierteljahr ans Herz gewachsen, einige gute Freunde geworden und auch meine indische Familie werde ich, trotz zwischenzeitlicher Komplikationen, vermissen.

Tränen fließen, auch bei den sonst so gefühlsmäßig zurückhaltenden Indern.

Die Sache mit dem Gepäck stellt sich als schwieriger heraus, als gedacht. Meine Eltern konnten, trotz großem Bemühen auf indischer Seite, keine Waage beschaffen...so müssen wir also hoffen nicht allzu viel Übergepäck zu haben. Mein Koffer platzt fast, bei all den Geschenken von Freunden und Familie und den ganzen anderen Sachen, die ich mit zurück nehmen will. Zum Glück wiegen Gedanken nichts, denn meine Erlebnisse und Erfahrungen, die ich hier gemacht und gesammelt habe, möchte ich um keinen Preis der Welt missen müssen.

Nach einigen Schwierigkeiten aufgrund Übergepäcks schaffen wir es gerade so noch pünktlich in den Flieger, ein letzter Blick aufs nächtliche Chennai, bis die bunten Lichter der Stadt unter den Wolken verschwinden.

Abschied von Indien...es wird nicht für immer sein...

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